
Das allmähliche Abgleiten der Schulnoten wird zumeist vom Schüler selbst nicht wahrgenommen. Viele Schüler reagieren deshalb ablehnend auf Nachhilfe, sie wollen sich selbst helfen und ihren Notenschnitt eigenhändig verbessern. Dieses Vorhaben ist durchaus ehrenwert, aber in der Regel wenig erfolgreich. Schüler lernen nämlich vorwiegend punktuell. Sie gehen daher immer davon aus, allein durch intensives Lernen des aktuellen Schulstoffs ihren Notenstand verbessern zu können. Da die kritischen Schulfächer (Hauptfächer) jedoch ausnahmslos Stufenfächer sind, d. h. Fächer, in denen der Unterrichtsstoff aufeinander aufbaut, verkennen die Schüler in der Regel ihre Lücken aus früheren Zeiten. Daß Schüler sich selbst helfen wollen, ist ganz klar der erste Schritt. Wichtig dabei ist jedoch, daß man sie dabei unterstützt, daß man ihnen Hilfe zur Selbsthilfe anbietet, wie es der Studienkreis seit Jahren praktiziert.
Eine drohende Nichtversetzung ist in vielen Fällen der Anstoß für Eltern, sich umgehend nach einer außerschulischen Nachhilfe und Förderung umzusehen. Eltern handeln hier intuitiv richtig, denn wissenschaftliche Untersuchungen und praktische Erfahrungen haben den Wert des Sitzenbleibens längst widerlegt. Weil Sitzenbleiber - wegen Defiziten in einem oder vielleicht auch zwei Fächern - stur das ganze Jahresprogramm wiederholen müssen, in den problematischen Fächern aber keine Förderung erfahren, schalten sie häufig komplett ab.
Es beginnt ein Jahr der Langeweile und des Frusts oder auch der Qual, insbesondere, wenn man nochmals auf die Lehrer aus dem Vorjahr trifft, die an der Nichtversetzung einen maßgeblichen Anteil hatten. Bloßstellungen vor der Klasse und hämische Kommentare schmerzen noch genauso wie im Vorjahr. Kompensierend wirkt allenfalls, daß man als Wiederholer in seiner neuen Klasse - weil man ja ein- bis zwei Jahre älter ist - von seinen Mitschülern durchaus bewundert wird.
Da man schon alles kennt, glaubt man die Schule ganz entspannt angehen zu können. Als Ergebnis zeigt sich, daß sich mehr als 80% der Wiederholer nicht verbessern, Einstellung und Arbeitshaltung bleiben nahezu unverändert. “Deine Freunde werden reif, und du hängst mit den Kleinen rum. Auf Dauer nervt das gewaltig. Bei Jüngeren entwickelt man sich halt nicht”, so der Kommentar eines Schülers, der mit 19 Jahren gerade mal so die Mittlere Reife geschafft hat (aus: Badische Zeitung, 20. Juli 2002). Klaus-Jürgen Tillmann, Bildungsforscher an der Universität Bielefeld, kommt zu ähnlichen Ergebnissen: “Nach spätestens zwei Jahren hängen die meisten Sitzenbleiber wieder am Leistungsende, sie gewinnen kaum Kompetenz hinzu, verlieren aber ein Jahr.”
Daß das deutsche Bildungssystem eher zum Abschieben und Ausgrenzen neigt, ist spätestens seit den Pisa-Studien hinlänglich bekannt. So ist es nicht verwunderlich, daß zwei Drittel der Deutschen nichts davon halten, das Sitzenbleiben in der Schule abzuschaffen. “Eine Ehrenrunde ist kein Beinbruch”, wird argumentiert, und man bemüht prominente Zeitgenossen, denen Gleiches widerfahren ist (Frau Bulmahn und Frau Feldbusch beispielsweise, oder die Herren Edison, Einstein, Mann, Hesse, Hauptmann, Bismarck, Churchill, Stoiber usw. usw.). Auch die meisten Kultusminister finden das Sitzenbleiben notwendig. Die Wiederholung einer Klasse soll die “zweite Chance” bieten, Wissensgrundlagen zu festigen und befreiter mitzuarbeiten (aus: Badische Zeitung, 20.Juli 2002). Und man läßt sich das etwas kosten. So ließ die GEW errechnen, daß durch jährlich ca. 250.000 Sitzenbleiber in Deutschland etwa 16.500 Lehrerstellen gebunden werden, was Personalausgaben von etwa 850 Mio. Euro entspricht (Klaus Klemm, Bildungsforscher Universität Essen). Und auch die Eltern werden belastet, sie müssen alle schulbezogenen Kosten (Landschulheimaufenthalte, Klassenfahrten, Bildungsunternehmungen, Bücher, Hefte etc.) ein zweites Mal aufbringen.
Schüler mit Ehrenrunden durchs Schulsystem durchzuschleppen produziert bestenfalls frustrierte Schulabgänger. Talente werden auf diese Weise nicht aufgespürt. Dies haben Länder mit geringen Einwohnerzahlen, wo man auf jedes Talent angewiesen ist, längst erkannt. So setzt die Notengebung in Schweden und Finnland erst mit den Klassen 8 und 9 ein, und das Sitzenbleiben wurde schon vor Jahren abgeschafft. Es ist wahrscheinlich eines der wesentlichen Grundprobleme von Schule in Deutschland, daß der Heterogenität von Schülergruppen nicht Rechnung getragen wird. Alle Kinder sollen zur gleichen Zeit dasselbe lernen. “Aber Kinder lernen nicht in kleinen Schritten, nicht der Reihe nach, nicht gleichzeitig und schon gar nicht das Gleiche”, so Rolf Robischon, Grundschulrektor in Bad Krotzingen-Hausen bei Freiburg im Breisgau. Er kommt mit dieser Äußerung der Montesori- und der Waldorfpädagogik sehr nahe, die beide auf das Sitzenbleiben verzichten. Auch wenn es keiner zugeben mag - der Verdacht bleibt, daß man mit dem Festhalten am Sitzenbleiben den Lehrern auch weiterhin ein Machtinstrument lassen will. (Bildungsforscher Tillmann in: Badische Zeitung, 20. Juli 2002) |